SKM - Katholischer Verein für soziale Dienste Bocholt e.V. - Sozial - Kompetent - Menschlich

Der SKM, Katholischer Verein für soziale Dienste e.V., setzt sich mit seinen haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern für Menschen in Notlagen, die Rat und Hilfe suchen, ein. Dies tut er unabhängig von Religion, Nationalität, Geschlecht oder Stand des Hilfesuchenden.

Wir sind ein selbständiger und eingetragener Verein unter dem Dach der Caritas in Münster sowie Mitglied des SKM Bundesverbandes und handeln auf der Basis des christlichen Selbstverständnisses, ansonsten unabhängig und parteipolitisch nicht gebunden.

Keimzelle der Sozialen Arbeit des SKM in Bocholt war ein Beratungsangebot für Familien und Menschen in schwierigen Lebenslagen, aber schon seit über 25 Jahren haben wir mit der Sucht- und Drogenberatung weitere Standbeine hinzugewonnen. Je nach Einzelfall bieten wir im Rahmen dieser Angebote ambulante oder vermitteln in stationäre Entwöhnungstherapien.

Neben den Sucht- und Drogenberatung bildet mittlerweile das Ambulant betreute Wohnen für abhängigkeits- und seelisch erkrankte Menschen einen weiteren wichtigen Pfeiler unserer Arbeit.

Von Beginn haben wir immer wieder auf die besonderen Lebenslagen von  Jungen und Männern abgestimmte Angebote entwickelt. Die seit ca. 10 Jahren stattfindenden Bocholter Männertage erfreuen sich überregionaler Aufmerksamkeit. In dieser Tradition und mit Unterstützung des Diozesan-Caritasverbandes und des SKM Bundesverbandes konnten wir ab Januar 2017 Jungen- und Männerarbeit, auch im Sinne einer Krisen- und Gewaltberatung für Jungen und Männer, in unser ständiges Angebot mit aufnehmen.

Seit über 20 Jahren kümmern wir uns im Rahmen unserer Präventionsarbeit im Projekt Kolibri um Kinder und Heranwachsende aus Familien abhängiger Eltern. Uns freut sehr, dass dieses Projekt in Bocholt viele Freunde und Unterstützer, so z.B. den Lions Club Westfalia,  gefunden hat.

Auch Sie können unsere Arbeit unterstützen: ehrenamtlich, durch Spenden oder als Mitglied.
Für weitere Informationen, Rückmeldungen und Anregungen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung. Nehmen Sie dazu einfach Kontakt per Telefon 02871 8891 oder E-Mail zu uns auf.

Tätigkeitsbericht 2024 des SKM – Katholischer Verein für soziale Dienste e.V. (pdf Download)

Gespräch mit einem Spielsüchtigen

Es ging ganz unbewusst bereits im Alter von 14, 15, 16 los. Nicht unweit meiner damaligen Schule befand sich eine Tipico-Filiale und in den Pausen ging ich mit Freunden dorthin und verspielte ein paar Euro. Nach meinem Ausweis wurde ich fast nie gefragt!

Bis zu einem Alter von 20 oder 21 Lebensjahren war mein Spielverhalten unproblematisch, gelegentliche Casino-Besuche und Sportwetten brachten Reiz und tatsächlich auch ab und an ganz lukrative Gewinne.

Nach einem großen Gewinn mit einer Sportwette fühlte ich mich quasi unbesiegbar und erhöhte meine Spielaktivität nicht nur bei Sportwetten, sondern auch an Automaten. Wie ich jetzt in der Therapie erfahren habe, hat mein Suchtgedächtnis über all die Jahre lediglich die positiven Erlebnisse aus dieser Zeit (Gewinne und Reiz) gespeichert und immer wieder danach verlangt.

Dadurch fing ich an, andere Pflichten zu vernachlässigen und mein Leben immer mehr auf das Spielen auszurichten. Das lief dann knapp 2 Jahre so, wenn Geld zur Verfügung stand, habe ich es größtenteils verspielt.

Ich wurde sehr erfinderisch und spielte vielen Leuten, auch Freunden und Familie, etwas vor, wenn es um meine Finanzen ging. Mit ca. 23 Jahren ging ich dann zum ersten Mal zum SKM und war im Anschluss 1 Jahr spielfrei. Nach einem Rückfall ging ich erneut zum SKM.

Problematisch wurde mein Spielen ab dem Zeitpunkt, als ich alleine zocken gegangen bin. Natürlich habe ich da schon bemerkt, dass ich ein Problem habe und es mir schwerfiel, mit dem Zocken dann aufzuhören. Doch ich habe es versucht auszublenden, ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

Ca. 1,5 Jahre habe ich gebraucht, um mir professionelle Hilfe zu suchen. Wirklich unschöne Erinnerungen, obwohl ich wusste, dass beispielsweise nur noch 150 Euro für die restlichen 7 Tage des Monats da waren, habe ich dieses Geld verspielt.

Für Außenstehende sicherlich ein nicht greifbares Verhalten. Aber beim Spiel selbst konnte ich abschalten und die negativen Konsequenzen ausblenden.

Irgendwann habe ich dieses Leben mit all den Lügen nicht mehr ausgehalten. Außerdem klaute ich meinen Eltern mehrfach Geld. Spätestens da wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Glücklicherweise habe ich im Gegensatz zu vielen anderen Spielern keine Schulden aufgenommen.

Mir Hilfe zu suchen, kostete mich große Überwindung, was die lange Zeit bis dahin ja auch verdeutlicht. Aber schon nach wenigen Gesprächen merkte ich, dass es die richtige Entscheidung war.

Meine Eltern haben mich glücklicherweise in meinem Vorhaben der Therapie unterstützt und keine allzu großen Vorwürfe gemacht, da sie es als Suchterkrankung akzeptiert haben. Trotzdem war es natürlich ein großer Vertrauensbruch.

Die Therapie hilft mir, all das Erlebte rauszulassen, darüber zu sprechen und zu thematisieren, das tut gut, das ist befreiend, aber auch anstrengend. Auch die Gruppentherapie ist sehr hilfreich, zu wissen, es gibt Andere mit einer ähnlichen Problematik, sich auszutauschen und zu helfen, ist wichtig.

Ich habe mich zudem für jegliche Glücksspieltätigkeiten im Onlineregister OASIS sperren lassen.   Man sollte damit überall gesperrt sein, online ist das auch der Fall, allerdings ist meine Erfahrung, dass nach wie vor in Spielhallen nicht immer der Ausweis kontrolliert wird. Es gibt also noch Wege, trotz Sperre zu zocken..

Die Sucht ist nicht zu unterschätzen. Sie kann Existenzen zerstören. Wenn ihr merkt, ihr habt ein Problem damit oder fangt an, Anderen was vorzumachen, dann sprecht offen darüber mit engen Verbündeten oder in einer Anlaufstelle. Steht dem Thema offen gegenüber, ansonsten kann es euch von innen kaputt machen!


Der Glücksspielmarkt in Deutschland ist mit einem Umsatz von rund 38 Mrd. Euro pro Jahr riesig. Viele Deutsche zocken unproblematisch und gelegentlich, doch die ca. 430.000 pathologischen Glücksspieler, welche die Hauptantreiber dieses Umsatzes sind, sind die Leidtragenden des Marktes.

Glücksspielsucht kann ganze Familien ruinieren und Existenzen jeglicher Gesellschaftsschicht vernichten.

Die Entwicklung am Spielemarkt ist hochdynamisch und wird auch in anderen Teilen Europas mit großen Sorgen verfolgt. Vor dem Hintergrund, dass der Anteil der jungen Menschen, die um Geld spielen in den letzten 2 Jahren um 43% gestiegen sei, hat z.B. der flämische Justizminister ein komplettes Werbeverbot für Glücksspiele angeregt. Er fordere dies auch, so der Minister, weil 40 % der Gewinne von Glücksspielunternehmen von Spielsüchtigen generiert werden.  Hierzu muss man wissen, dass diese Initiative in erster Linie auf den Profisport zielt. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile keinen Bundesligaverein mehr, der nicht einen Werbevertrag mit der Spielindustrie geschlossen hat. Der DFB hat gerade die auslaufenden Verträge mit Sportwettenanbietern verlängert und ausgebaut – und begründet dies damit, dass er als gemeinnütziger Verein ohne staatliche Förderung ja irgendwie an Geld kommen müsse. Während 2014 der Branchenumsatz bei Sportwetten noch bei 4,5 Mrd. Euro lag, schnellte er bis 2019 auf 9,3 Mrd. hoch, parallel erreichte der Anteil von Menschen mit problematischem Spielverhalten neue Höchstwerte. Es bedarf nicht viel an Fantasie, um zu verstehen, dass Mitglieder von Sportvereinen zu den primären Zielgruppen der Sportwettenanbieter gehören.

Gleichzeitig gibt es einen Trend, dass die Glücksspielindustrie ihre Produkte immer stärker so im Internet platziert, dass es für Nutzerinnen und Nutzer schwerer wird, präzise und schnell den Glücksspielcharakter zu identifizieren. So liegen mittlerweile Glücksspielelemente in Videospielen und Geschicklichkeitsspiele in klassischen Glücksspielen im Trend, die Formen vermischen sich, vieles wird diffuser, die Grenze zum erlaubnispflichtigen Glücksspiel wird vernebelt. Es geht um die Normalisierung von Glücksspielinhalten bei erschwerter Selbstkontrolle. Der finanziell kontinuierlich steigende Markt spricht für den Erfolg der Strategie der Glücksspielindustrie.

 

Eine Bocholterin und ihr langer Weg aus der Kokainabhängigkeit – Dritter Teil der BBV-Serie zur örtlichen Drogenszene

BBV, Barbara-Ellen Jeschke vom 10.01.2023
Wir danken dem BBV, dass wir den Bericht hier übernehmen dürfen.

Bocholt – Im dritten und letzten Teil der BBV-Serie über die Bocholter Drogenszene schildern wir das Schicksal einer Abhängigen. Als junges Mädchen begann sie zu kiffen. Cannabis ist eine Einstiegsdroge, sagt sie.

„Man sagt immer, Cannabis ist eine Einstiegsdroge“, sagt Jessy T. (Name von der Redaktion geändert) und lacht. Anschließend wird sie schnell sehr ruhig: „Genau das ist es.“ Schon früh kommt die junge Frau mit Drogen in Berührung. „In meiner Familie hat jeder ein Suchtproblem“, erklärt Jessy. Überhaupt habe heute sowieso jeder ein Suchtproblem, und wenn es Spielsucht sei, meint sie.

Zum ersten Mal kifft sie mit 13 Jahren auf dem Schulhof. Ihre Schwester hat die Droge mit nach Hause gebracht. Mit ihr zusammen kifft sie auch im Jugendzentrum. „Egal wo, egal was, überall ist es einfach, an Drogen zu kommen. Wenn man etwas will, bekommt man das“, sagt Jessy. Zu Hause leidet sie unter häuslicher Gewalt. Als die Familie umzieht, haut sie von dort ab und rutscht immer tiefer in den Drogensumpf und damit auch in die Kriminalität.

Clean nur für eine kurze Zeit

Jessy beginnt Kokain zu konsumieren und zu verkaufen. Dann wird sie von ihrem dealenden und gewalttätigen Freund schwanger – und schafft den Absprung. Macht sogar ihren Schulabschluss. Doch clean bleibt sie nur für die Zeit der Schwangerschaft. „Ich bin richtig abgestürzt“, sagt Jessy, die in der Mutterrolle völlig überfordert ist. Erneut ist ihr Leben geprägt von ihrer Kokainsucht und kriminellen Taten. Ihr Kind gibt sie zu ihrer Mutter. Sie selbst hat keinen festen Wohnsitz, kommt mal hier unter, mal da. Nach sieben Jahren als Kokain-Dealerin fliegt sie auf.

Beim Gerichtsprozess werden ihr zudem rund 40 Betrugsfälle nachgewiesen. Jessy muss für zwei Jahre ins Gefängnis und einen Entzug machen. „Ich war so froh, in Haft zu kommen“, sagt die junge Frau rückblickend. Doch ihre Hoffnung, dort den Absprung zu schaffen, sollte sich nicht erfüllen.

Heroin im Gefängnis kennengelernt

Im Gefängnis lernt sie andere Drogenabhängige kennen und kommt so auch in Kontakt zu Heroin und beginnt, das Opiat zu rauchen. Das Gefühl sei irre, sagt Jessy. Heroin wirkt entspannend, beruhigend und schmerzlösend. Gleichzeitig werden Konsumenten euphorisch und die geistige Aktivität wird gedämpft. Negative Gefühle wie Angst, Unlust, Leere, Probleme und Belastungen sind in der Zeit des Rausches ausgeblendet. Der wohlige Effekt, das Gefühl einfach glücklich und zufrieden zu sein, hält allerdings nur wenige Stunden an. Wenn die Wirkung vorbei ist, verlangt der Körper sofort nach mehr.

Jessy fliegt aus der Therapie. Aber sie gibt nicht auf. „Mein Ziel war: Ich bekomm‘ mein Leben in den Griff.“ Sie sucht sich Hilfe bei der Drogenberatung des SKM (Katholischer Verein für soziale Dienste) und vertraut sich dort Michael Helten an. Mithilfe des Sozialarbeiters und Suchttherapeuten findet sie einen neuen Therapieplatz und macht eine Entgiftung. Mittlerweile ist sie in ambulanter Therapie und bis auf einen Rückfall seit einiger Zeit clean. „Nachdem ich mich am Sterbebett von meiner Mutter verabschiedet habe, habe ich Cannabis geraucht“, sagt Jessy. Aber von dem einmaligen Rückfall will sie sich nicht aus der Bahn werfen lassen. Ihrem Ziel, ihr Leben in den Griff zu bekommen, sei sie schon sehr nahe, sagt sie.

Erste eigene Wohnung

Sie hat ihre erste eigene Wohnung mit kleinem Garten und einen „tollen ruhigen Partner.“ Lange hat Jessy auch dafür gekämpft, dass ihr Kind bei ihr leben kann. Für die Erziehung hat sie sich Unterstützung geholt, denn das Kind habe selbst traumatische Erfahrungen gesammelt. Die Sorge um ihr Kind ist ihr spürbar anzumerken. „Ich habe schon Achtjährige rauchen sehen und im Deutsch-Hip-Hop werden Drogen und Gewalt verharmlost“, sagt sie beunruhigt. Jessy sagt: „Meinem Kind gegenüber schäme ich mich für meine Vergangenheit.“

Praxisbeispiel Elternarbeit Drogenberatung

Das Ehepaar Q. nutzt seit einiger Zeit das Beratungsangebot der Beratungsstelle. Ihre 18jährige Tochter ist mehrfach belastet; neben dem Drogenkonsum besteht eine psychische Erkrankung. Die Tochter lebte daher in einer betreuten Wohnform für psychisch erkrankte Jugendliche. Aufgrund des steigenden Konsums hat die Tochter das Betreute Wohnen verlassen, ist nun wohnungslos und hält sich in der Drogenszene auf. Das Angebot der Eltern, zurück ins Elternhaus zu ziehen, hat die Tochter abgelehnt.
Trotz der schwierigen Umstände besteht ein regelmäßiger Austausch zwischen Tochter und Eltern, so dass diese deutlich die Belastungen des Drogenkonsums mitbekommen.

Das Ehepaar Q. sucht gemeinsam die Beratungsstelle auf und bittet um Beratung im Umgang mit ihrer Tochter, da der Lebensstil der Tochter sie emotional stark belastet. In der Beratung erhalten sie u.a. viel Hintergrund Wissen zum Thema Drogen und Abhängigkeit, um ein Verständnis für diese Thematik zu entwickeln. Des Weiteren nutzt das Ehepaar die Gespräche, um ihr Verhalten zu reflektieren und Regeln sowie Grenzen gegenüber der Tochter zu erörtern. Es ist ihnen wichtig, den Kontakt nicht zu verlieren, ohne den Konsum zu unterstützen. So wird die Tochter regelmäßig eingeladen, das Wochenende bei den Eltern zu verbringen, darf aber im Haushalt keine Drogen konsumieren oder wird nicht bei der Beschaffung durch Fahrten in den Coffeeshop unterstützt oder erhält hierzu auch keine finanzielle Gefälligkeit. Durch die liebevolle, aber konsequente bestimmende Haltung der Eltern kann die Tochter die Absprachen gut akzeptieren und es kommt kaum zu Konflikten.

Des Weiteren wird das Ehepaar durch uns an den Elternkreis angebunden und motiviert teilzunehmen. Durch den Austausch mit anderen betroffenen Eltern erfährt das Elternpaar Q. emotionale Entlastung und weiterführende Unterstützung im Umgang mit ihrem drogenkonsumierenden Kind. Ebenso lernen sie durch Beratung und Elternkreis ihre eigenen Bedürfnisse wieder wahrzunehmen.

„Ich wollte gar nicht aufhören“ – Das BBV hat mit einem Heroinabhängigen gesprochen. – Zweiter Teil der BBV-Serie zur örtlichen Drogenszene

BBV, Barbara-Ellen Jeschke vom 27.12.2022
Wir danken dem BBV, dass wir den Bericht hier übernehmen dürfen.

Bocholt – Mit 13 Jahren fängt er auf dem Schulhof an zu kiffen, um ältere Mitschüler zu beeindrucken, mit 14 Jahren hält er ein Kilogramm Marihuana in den Händen, bringt es über die Grenze und fängt auch an zu dealen.
Zwei Jahre später probiert er Ecstasy. Er nimmt LSD, testet Pilze, ist mehrere Tage auf Kokain wach. Dann kommt der Tag, an dem er das erste Mal Heroin nimmt. „So richtig war mir nicht bewusst, was ich da mache“, sagt Benjamin K. (*Name von der Redaktion geändert) über seinen ersten Kontakt mit Heroin.

Benjamin K. kommt aus einem guten Elternhaus, hat einen anerkannten Beruf, eine Freundin und er gerät dennoch in den schleichenden Strudel der Sucht.

Heroin habe er immer mit der Nadel verbunden, sagt Benjamin. Doch beim ersten Mal schnupft er es bei einem alten Schulfreund durch die Nase. Die Neugier habe ihn getrieben. Er beginnt es gemeinsam mit Kokain zu spritzen und zu rauchen, dann spritzt er es sich auch in die Arme. „Irgendwas passiert mit meinem Körper, habe ich gemerkt“, sagt er. Um seine Sucht zu finanzieren beginnt er auch mit größeren Mengen harter Drogen zu dealen, immer in der Angst, dass er oder seine Eltern, bei denen er wohnt, gewaltsam überfallen zu werden. „Vom Unternehmer bis zum Obdachlosen, sie alle kaufen Drogen.“ Trotz seiner Sucht geht Benjamin jeden Tag zur Arbeit. Auch wenn es immer schwieriger wird, seine Sucht geheimzuhalten, denn die Einstiche an den Armen muss er verstecken.

Dann kommt der Tag, an dem er seinen Führerschein verliert. Die Polizei erwischt ihn unter Einfluss und mit einem nicht geringen Anteil an Drogen. „Meine Mutter und mein Vater waren total am Ende“, erzählt Benjamin von dem Moment wo der polizeiliche Brief die Eltern erreicht. Zwei Jahre war er damals bereits heroinabhängig – weder seine Familie, noch seine Arbeitskollegen haben davon etwas bemerkt. Nicht einen Tag fehlte er auf der Arbeit, auch wenn er am Wochende ganze Nächte mit Dealen und eigenem Drogenkonsum durchmachte.

Weinend habe seine Mutter mit ihm in der Drogenberatungsstelle des Sozialdienst katholischer Männer gesessen. Benjamin nickte nur. „Ich habe einer Therapie nur zugestimmt, um meine Ruhe zu haben. Ich wollte gar nicht aufhören“, sagt er rückblickend.

Ständiges Übergeben und Schmerzen – 24 Stunden hält er den Entzug aus, dann greift er erneut zur harten Droge. Benjamin: „Die Sucht ist schon echt ekelhaft.“ Im Methadon-Programm tanzt der junge Mann seinem Arzt lange auf der Nase herum. Immer wieder erscheint er unter Drogeneinfluss in der Praxis, immer wieder gibt der Arzt ihm eine neue Chance. Zwei Jahre geht das so, dann hat ihm sein Arzt gesagt: „Das war´s.“ Benjamin wurde klar: „Wenn du jetzt hier rausfliegst, dann geht alles kaputt.“

„Es war schwer“, sagt er. Heute ist Benjamin seit vier Jahren clean. Er ist noch im Methadon-Programm, hat seinen Führerschein wieder und kümmert sich liebevoll um seinen Hund. Ohne den Rückhalt seiner Familie hätte er es nicht geschafft und auch sein Job hat ihm stets Struktur gegeben. „Ohne das, wäre ich jetzt tot oder im Knast“, ist er sich sicher.

Benjamin war ganz tief in die Drogenszene eingetaucht, erlebte wie ein Freund an einer Überdosis starb, erlebte Gewalt und Kriminalität. Bereut er die Zeit? Er nennt es eine „wilde Zeit“. Bereut er sie? „Es war mein Leben. Wer wäre ich heute?“, fragt er zurück.

Drogenkonsum findet immer öfter im Privaten statt – Erster Teil der BBV-Serie zur örtlichen Drogenszene

BBV, Barbara-Ellen Jeschke vom 07.12.2022
Wir danken dem BBV und Sven Betz, dass wir den Bericht und Foto hier übernehmen dürfen.

Auftakt zur dreiteiligen BBV-Serie zur örtlichen Drogenszene

Bocholt – Junkies trifft man auf dem Bahnhof und sie spritzen sich Heroin. Junkies sind abhängig von harten Drogen wie Kokain und „hängen zusammen ab“. Junkies sind nicht in der Lage zu arbeiten und arm – so lauten eine Reihe von Vorurteilen gegenüber der Drogenszene.

Michael-Helten Diplom-Sozialarbeiter und Suchttherapeut Foto: Sven Betz

Michael Helten, Diplom Sozialarbeiter und Suchttherapeut beim Sozialdienst katholischer Männer, berät seit über 30 Jahren Menschen, die ein Drogenproblem haben. Dabei ist die Klientel breit gefächert. Alle sozialen Schichten und alle Altersgruppen sind vertreten. Foto: Sven Betz

Michael Helten, Diplom Sozialarbeiter und Suchttherapeut beim Sozialdienst katholischer Männer, berät seit über 30 Jahren Menschen, die ein Drogenproblem haben. Dabei ist die Klientel breit gefächert. Alle sozialen Schichten und alle Altersgruppen sind vertreten.
Doch dass diese (mittlerweile) ganz anders aussieht, weiß Michael Helten, Diplom-Sozialarbeiter und Suchttherapeut beim Sozialdienst katholischer Männer (SKM).

Es gebe keine Szene, die sich draußen trifft. „Drogenkonsum privatisiert sich“, sagt Helten. Die Klientel, welche bei der Drogenberatung etwa Unterstützung in Therapievermittlung findet, sei völlig breit gefächert. Drogenkonsum sei in allen sozialen Schichten und jeder Altersgruppe verbreitet. Die größte Gruppe stellen jedoch mit 22 Prozent die 28 bis 35-Jährigen.

Pro Jahr berät die Drogenberatung des SKM 530 Menschen. 85 Prozent von ihnen konsumieren Drogen, 15 Prozent sind Familienangehörige von Abhängigen, die Hilfe suchen. Viele von ihnen kämen zunächst nur einmal und dann nicht selten Jahre später wieder. Pro Klient hat die Beratungsstelle sonst 13 bis 20 Kontakte. Die 80 Substituierten begleitet die Beratungsstelle längerfristig. Das sind Personen, die an einer Abhängigkeit von Opioiden – meist Heroin – leiden und sich in einem Drogenersatzprogramm befinden.

„Generell stellen wir fest, dass sich die Drogenproblematik mit Konsummustern und Konsumenten und deren Milieus über die Jahre hinweg verändert hat“, sagt Helten. Die Hälfte, der Hilfesuchenden gebe an, von Cannabis abhängig zu sein. „Cannabis ist cool, aber unaufgeregt und macht sich in weiten Alltagsbereichen und Populationskreisen breit. Es scheint, als gehört es einfach dazu, ob als Alternative zum Alkohol oder als zusätzliches Wirkspektrum mit Alkohol. Natürlich auch zum ‚runterkommen‘ nach ausschweifendem Amphetamin- oder Kokainkonsum“, sagt Helten.

Amphetamine werden von etwa einem Drittel der Klienten als Hauptsubstanz angegeben. Sie werden von den Konsumenten zur Leistungssteigerung eingesetzt und finden „sowohl auf der Arbeit, als auch in der Freizeit mehr und mehr“ Platz.

Gerade jüngere Klienten konsumieren verstärkt Amphetamine, Crack, aber mittlerweile auch synthetische Opiate, beobachtet Helten. Die Gruppe der Opiatkonsumenten umfasste 2021 20 Prozent. Das sind überwiegend Menschen, die sich im Substitutionsprogramm befinden und dadurch mittlerweile eine höhere Lebensdauer erreichen.

In drei Teilen beleuchtet das BBV die Drogenszene und stellt in zwei weiteren Artikeln das Schicksal zweier Menschen vor, die in den Strudel der Sucht geraten sind.

Aus der Praxis der Suchthilfe, hier: das Phänomen der Ambivalenz

Helfer in der Suchtkrankenhilfe haben seit jeher mit dem Phänomen der Ambivalenz zu tun. Wie in kaum einem anderen Krankheitsbild muss von einem Suchtkranken die Entscheidung zu einer veränderten Lebensweise Tag für Tag neu erarbeitet werden. Mit Medikamenten kann man bestenfalls für etwas günstigere Voraussetzungen sorgen. Die täglich neue Umsetzung der Abstinenzentscheidung nimmt einem keiner ab.

Erfolge, aber auch Rückschläge, manchmal der Verzicht auf seit Jahren gelebte Beziehungen begleiten diesen für den Betroffenen notwendigen, oftmals zugleich schmerzlichen Prozess. Die Entscheidung wird von schnell wechselnden Stimmungen begleitet, einerseits z.B. von Glück und Zufriedenheit, andererseits manchmal schon kurz danach von Traurigkeit und Wut. All dies macht das Phänomen der Ambivalenz aus. Es geht eben nicht um die Einnahme von Medikamenten (und dann ist alles gut), sondern um das Verändern von oft seit Jahrzehnten eingeübten Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Abhängigkeiten. Diese Aufgabe würde jeden fordern. Beim SKM haben wir es mit Menschen zu tun, denen die Erfahrung geglückter Veränderungsprozesse vielfach fehlt. Das Misstrauen gegenüber der eigenen Handlungsmacht ist bisweilen tief verankert.

Vielfach erfindet sich der Klient in der Beratung / Begleitung quasi neu, er erlebt sich neu und anders, gewinnt Selbstachtung und Selbstwirksamkeit. Aber immer wieder begegnen wir auch Menschen, die in der Ambivalenz gefangen bleiben, manchmal ein paar Schritte nach vorne gehen – um dann doch wieder in alte Muster zurückzufallen. Diese Menschen begleiten wir möglichst vorurteilsfrei und annehmend, ggf. über Jahre, unter Umständen lebenslang.

Der SKM fühlt sich dem Menschen verpflichtet. Dem, der sich zu einer abstinenten Lebensweise entscheidet, aber auch dem, der in der Sucht gefangen bleibt. Schon oft haben wir feststellen dürfen, dass gerade die vorbehaltlose Annahme des Klienten zu einem späteren Zeitpunkt Veränderungen ermöglichte, mit denen wir lange nicht mehr gerechnet hatten.


Urlaub von der Droge! – haben Sie Mut zur Veränderung

… d.h. Alkohol geht noch, nur Drogen sind hier Thema? Hängen Sie hinter „Droge“ noch Alkohol, Kiffen, Pillen dran; dann ist es vollständig – leider! So wie es da steht, ist der Titel doch einfach knackiger! 😊

Die Sucht versklavt den Menschen. Gegen den Katzenjammer wegen des Alkohols wird noch mehr getrunken. Wird nicht wirklich besser. Aufhören???? Never ever!!!! Lasst mich in Ruhe. Man hat null Vorstellung davon, wie es sich „ohne“ anfühlt. Die Idee ist oft, dass „ohne“ gruselig sein wird. Und das Ganze für den Rest des Lebens., also nix mehr Trinken. Ne danke!!!!

Als mir mein Krankengymnast die Tage einen Satz Übungen zeigte war mit klar: dass jetzt am besten täglich für den Rest des Lebens. Fühlt sich auch …. na ja an! Also raus aus der Ewigkeitsvariante – Sie brauchen sich noch nicht mal für die Lebensspanne eines normalen Handyakkus entscheiden.

Die Idee des Satzes „Urlaub von der Droge“ ist, dass Sie sich nur für JETZT entscheiden können. Erst mal ein verschüttetes Gefühl wieder erfahren können; also erleben, wieviel Power Sie haben, wenn Sie nichts konsumieren. Deshalb mal nicht das große Ganze anschauen (und dann nach dem Motto „wie schnell ist wieder nix passiert), sondern unkompliziert gedacht. Gönnen Sie sich eine Auszeit, und danach kann man immer noch weitersehen was sich verändert hat. Sie entscheiden eben nur mal für ein paar Tage. Machen Sie es nicht im kalten Entzug – das geht anders. Aber erlauben Sie sich einen Schritt nach dem anderen zu gehen.

Sag ich mir auch, und gehe ab auf die Matte!

Da geht doch was!!!!