Das Gleichnis vom Sämann: 13,1-9: Mk 4,1-9; Lk 84-8
Der Sämann (nach Millet) von Vincent van Gogh, Quelle: WikipediaAn jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich; die Leute aber standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Form von Gleichnissen. Er sagte: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil der Körner auf den Weg, und die Vögel kamen und fraßen sie. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen, und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil schließlich fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.
Wer Ohren hat, der höre!

Der Sämann (nach Millet) von Vincent van Gogh, Quelle: Wikipedia
Interpretation in Bezug auf die Männer- und Gewaltberatung beim SKM Bocholt
Das Gleichnis vom Sämann beschreibt in eindrücklichen Bildern, dass nicht jeder Samen zur gleichen Zeit und unter den gleichen Bedingungen Frucht trägt. Entscheidend ist dabei nicht die Qualität des Samens, sondern der Boden, auf den er fällt. Dieses Bild lässt sich in besonderer Weise auf die Männer- und Gewaltberatungsarbeit übertragen.
Die Beratung von Männern, die mit Gewalt, Aggression, innerer Überforderung oder biografischen Verletzungen ringen, gleicht oft dem behutsamen Säen. In Gesprächen werden Impulse gesetzt: Worte der Klarheit, der Verantwortung, der Ermutigung, aber auch der Konfrontation. Diese Impulse sind Samen – sie tragen das Potenzial zur Veränderung in sich, entfalten ihre Wirkung jedoch nicht automatisch oder sofort.
Manche Samen fallen „auf den Weg“. Das sind Beratungskontakte, in denen Männer zwar erscheinen, innerlich aber (noch) nicht erreichbar sind. Äußere Zwänge, fehlende Einsicht oder eine hohe Abwehrhaltung verhindern, dass Gesagtes Wurzeln schlagen kann. Die Beratung bleibt oberflächlich, nicht weil sie falsch ist, sondern weil der innere Boden noch verhärtet ist.
Andere Samen fallen „auf felsigen Boden“. Hier zeigen Männer zunächst Offenheit, Einsicht oder Motivation zur Veränderung. Erste Schritte werden gemacht, Vereinbarungen eingehalten, Hoffnung keimt auf. Doch ohne ausreichende innere Stabilität – etwa durch fehlende soziale Unterstützung, ungelöste Traumata oder massive Alltagsbelastungen – verdorrt das zarte Pflänzchen wieder. Rückfälle gehören hier zur Realität der Arbeit und sind Teil des Veränderungsprozesses.
Samen, die „unter die Dornen“ fallen, stehen für Männer, bei denen die Beratungsimpulse zwar verstanden werden, aber von äußeren und inneren Konflikten überwuchert werden: Suchterkrankungen, Beziehungskonflikte, ökonomischer Druck, Scham, Schuldgefühle oder ein tief verinnerlichtes Gewaltverständnis. Die Veränderung wird immer wieder erstickt, obwohl grundsätzlich Entwicklung möglich wäre.
Und schließlich gibt es den Samen, der „auf gutes Land“ fällt. Das sind jene Beratungsverläufe, in denen Männer Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, neue Handlungsstrategien entwickeln und Gewaltfreiheit als persönlichen Wert verankern. Hier zeigt sich, oft erst nach langer Begleitung, dass Veränderung möglich ist – nicht spektakulär, sondern nachhaltig. Die Frucht ist vielfältig: Schutz für Partnerinnen und Kinder, ein reflektierter Umgang mit Konflikten, ein neues Männerbild, das Stärke nicht mit Gewalt verwechselt.
Das Gleichnis macht deutlich: Die Aufgabe des Sämanns ist nicht, den Boden zu erzwingen, sondern treu zu säen. Übertragen auf die Männer- und Gewaltberatung heißt das: Präsent sein, verlässlich bleiben, Grenzen setzen, Hoffnung anbieten und Veränderung zutrauen – auch dort, wo der Erfolg nicht sofort sichtbar ist. Der Jahresrückblick zeigt daher nicht nur messbare Ergebnisse, sondern auch viele unsichtbare Prozesse, bei denen Samen gelegt wurden, deren Frucht vielleicht erst Jahre später sichtbar wird.

