„Als meine Frau schwanger wurde, wurde ich kaufsüchtig“
Wir danken dem Wochenmagazin Stern.de dass wir dieses Interview welches wir über Video mit einem unserer Klienten geführt haben hier übernehmen können.
von Miriam Maronna am 23. Februar 2026 aufgezeichnet
Haus, Kinder, Hund: Selbst in ein Bilderbuchleben kann sich Kaufsucht schleichen. Ein Familienvater erzählt, wie er auf der Suche nach Sicherheit Schulden anhäufte.
Ich lebe ein Leben, wie es viele Menschen führen: Schule, Berufsausbildung im sozialen Bereich, geheiratet, Haus gebaut, Kinder bekommen. Ich hatte eine gute Kindheit. Uns hat es nie an irgendetwas gefehlt.
Doch im Hintergrund schlummerte etwas. Etwas, das ich damals nicht greifen konnte. Probleme, die ich nicht bearbeiten konnte. Stattdessen entwickelte ich eine Kaufsucht.
Zunächst war es ein schleichender Prozess, der ungefähr im Jahr 2013 begann. Es waren erst nur ein paar Kleinigkeiten. Ich nahm es nicht mal wahr. Menschen konsumieren eben: Man geht einkaufen, man bestellt mal was. Das ist normal.
Wie diese Geschichte entstanden ist
Dieses Protokoll beruht auf den Aussagen einer Quelle, die wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes anonymisiert haben. Die Redaktion hat das Gespräch sorgfältig auf Plausibilität und Authentizität geprüft und verifiziert.
Doch dann wurde es immer mehr. Und immer größer.
Als meine Frau mit unserem ersten Sohn schwanger wurde, wurde ich richtig kaufsüchtig. Plötzlich schossen meine Ausgaben für Einkäufe in die Höhe. Ich habe mich sehr gefreut, Vater zu werden, es hat mich aber auch verunsichert. Ich hatte diese Ängste im Kopf: die finanzielle Verantwortung, das Gefühl, stark sein zu müssen, bloß nicht zu versagen. Obwohl es uns nie an etwas gefehlt hatte, waren diese Ängste da. Bei der zweiten und dritten Schwangerschaft war es das Gleiche. Ich habe Schulden gemacht – und es war mir scheißegal. Innerhalb weniger Jahre waren wir rund 50.000 Euro los und relativ hoch verschuldet.
Ich geriet in einen Teufelskreis aus Verlangen und Scham
Ich kaufte vor allem Werkzeug. Das Absurde daran ist: Ich kann null mit Werkzeug umgehen. Sinnvoll war es auch nicht, ich hatte zum Beispiel dreimal die gleiche Bohrmaschine. Ich habe mir im Vorfeld nie Gedanken gemacht, welches Produkt ich brauche. Es ging nicht um den Gegenstand, sondern nur darum, dieses Glücksgefühl zu bekommen. Es fühlte sich an wie ein warmer Mantel, der sich um meine Schultern legt. Das beschreibt es sehr gut. Ich kaufte etwas – und wurde warm umhüllt. Aber sobald die Sache ausgepackt war, war das Gefühl auch schon vorüber. Dann blieb bloß die Frage: Geht’s jetzt sofort weiter? Oder habe ich noch genug Beherrschung, um erst mal nichts zu kaufen?
Im Kaufprozess war es, als würde mein Gehirn kurz aussetzen. Wenn jemand, sagen wir, eine Thermosflasche kauft, dann schaut die Person vielleicht noch auf einer zweiten Internetseite, vergleicht Preise, geht vielleicht doch in einen Laden. Ich nicht. Ein Kauf dauerte bei mir kaum länger als 30 Sekunden. Nichts stoppte mich: Online-Händler sind immer und überall verfügbar und Zahlungsdienstleister wie Klarna machen es Menschen viel zu einfach, Schulden aufzunehmen. Selbst wenn du schon 30.000 Euro im Minus bist, bekommst du ohne Probleme weitere Kredite.
Es wurde zu einem Teufelskreis aus Verlangen und Scham: Ich kaufte etwas und fühlte mich gut, aber gleichzeitig kam auch die Scham. Rational wusste ich, dass ich das eigentlich gerade nicht tun sollte. Weil ich gemerkt habe, dass es nicht normal ist, wenn fünf oder mehr Pakete die Woche ankommen. Aber damals konnte ich es nicht aussprechen, wollte es nicht wahrhaben.
Irgendwann war ich gar nicht mehr richtig da. Ich war zwar physisch anwesend, aber im Kopf immer in einer Spirale. Selbst wenn ich mit den Kindern auf dem Teppich saß und Lego gebaut habe – eigentlich war ich gar nicht da.
Plötzlich verstand ich: Ich habe eine Kaufsucht
Und dann, 2019, wurde es mir auf einmal klar. Ab da wusste ich: Ich habe ein Suchtproblem. Und dann stand ich da. Mit Kartons. Mit Kisten. Mit Zeug. Wie konnte ich mich so wenig im Griff haben?
Eine Woche später war ich bereits in Kontakt mit der Suchtberatungsstelle SKM, Katholischer Verein für soziale Dienste e. V. in Bocholt. Bei ihnen habe ich eine ambulante Therapie mit Gruppengesprächen gemacht und bin in eine Selbsthilfegruppe gegangen. Christiane Wiesner vom SKM, die anderen Betroffenen und Fachleute waren mein Anker. Es ist so wichtig, einen Ansprechpartner zu haben – Menschen, die es verstehen.
Kaufsucht ist keine „mangelnde Disziplin“. Es ist eine Erkrankung. Sobald ich das verstanden hatte, änderte sich etwas.
Ich habe mich getraut, Gefühle zuzulassen
Einer der Hauptauslöser für Kaufsucht ist mangelnder Selbstwert. Ich bin eigentlich ein Mensch, der laut spricht, der sich auch gut nach außen verkaufen kann – trotzdem habe ich meine Selbstzweifel. Ich musste erst herausfinden, woher diese Zweifel eigentlich kommen.
In der Therapie habe ich gelernt, dass ich weinen darf. Das war schwierig, vor allem als Mann. Ich dachte, dass ich immer stark sein muss, aber mit den richtigen Fragen habe ich Gefühle und Erinnerungen zulassen können.
Vorher war mir, als wären meine Probleme und Ängste in einem Kellerraum eingeschlossen. Und als die Tür drohte, sich zu öffnen, habe ich die Einkäufe, die Kaufsucht davorgeschoben. Ich musste dieses ganze Zeug in der Therapie erst beiseiteräumen und mich trauen, hinter die Tür zu schauen. Und da kamen Dinge zum Vorschein, die ich lange gar nicht so gesehen hatte.
Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich zwölf war. Ich glaube, sie haben ihr schlechtes Gewissen danach durch Waren kompensiert und mich regelrecht mit Geschenken zugeschüttet. Ich mache ihnen keinen Vorwurf: Meine Eltern sind super und immer für mich da gewesen. Aber anscheinend hat sich damals ein Muster gefestigt.
Dazu kamen andere Brüche, die ich lange nicht ernst genommen habe. Ich hatte einen Freundeskreis, der sich so mit 13 oder 14 Jahren in die rechte Szene verabschiedet hat. Ich bin ihnen nicht gefolgt, aber dafür musste ich meine drei besten Freunde abschießen – in einem Alter, in dem ich sie eigentlich brauchte. Ich zog dann zwei Jahre lang nur mit einem Rentner und seinem Hund um den Block, einfach, um nicht allein zu sein.
In schwachen Momenten erinnert man sich daran, was einem früher gutgetan hat. Als ich Vater werden sollte, war es bei mir eben das Kaufen.
Jeden Morgen sage ich mir „Heute nicht“
Zu Hause habe ich immer erzählt, was wir in der Therapie gemacht haben. Meine Familie hat glücklicherweise sehr viel Verständnis gezeigt, obwohl Kaufsucht schwierig zu greifen ist – schwieriger als etwa eine Alkoholsucht, bei der die Substanz der handfeste Grund ist. Und dadurch, dass es nicht so viele Informationen zum Thema Kaufsucht gibt, war es für meine Frau am Anfang schwer, das einzuordnen. Aber sie hat mir immer beigestanden. Ich habe ihr den Computer und die Kreditkarte gegeben – wie ein Kind. Aber anders ging es nicht. Auch heute kontrolliert sie meine Ausgaben manchmal noch und das ist auch gut so.
Mittlerweile sind mehr als sechs Jahre vergangen. Jeden einzelnen Morgen, wenn ich aufstehe, wiederhole ich mein Mantra: „Heute nicht.“ Denn ich muss trotzdem einkaufen gehen, für die Kinder und den Haushalt. Wenn mein Sohn im Supermarkt ein Spielzeugauto haben möchte, fällt es mir schwer, abzuwägen: Ist das in Ordnung? Bediene ich damit indirekt meine Tendenzen? Oder gebe ich sie sogar an ihn weiter? Es war und ist sehr schwierig zu lernen, was emotionale und was notwendige Käufe sind. In guten und in schlechten Phasen gehe ich deshalb weiterhin zur Selbsthilfegruppe.
Die ganzen Werkzeuge haben wir in den letzten Jahren sortiert und weggeräumt. Sie zu verkaufen, stellte sich als schwieriger heraus als gedacht – da müsste ich bei den Mengen und Summen ein Kleingewerbe anmelden. Manchmal finden wir trotzdem unerwartet Kisten wieder, und jedes Mal erschreckt es mich: Ich bin doch ein gebildeter Mann, habe mir immer Mühe gegeben, Verantwortung getragen. Und trotzdem bin ich in diese Sucht gerutscht. Ich verstehe es bis heute nicht komplett.
Heute ist mein Leben besser, aber ich habe teuer dafür gezahlt
Aber ich habe endlich diese Kellertür aufgemacht und meine Ruhe gefunden. Ich glaube auch, dass ich gar nicht mehr so auf der Suche nach diesem Glücksgefühl bin. Diesen „warmen Mantel“ bekomme ich heute anders, indem ich im Moment lebe. Ich gehe jeden Tag mit unserem Hund durch den Wald, eineinhalb Stunden, ohne aufs Handy zu schauen. Ich brauche diese Routine, um nicht wieder in die Unruhe abzurutschen. Mein Leben ist heute sogar besser, als es vorher war, aber ich habe teuer dafür gezahlt: Ich habe einige Freunde verloren, emotional viel durchgemacht und meine Schulden werde ich abbezahlen, solange ich berufstätig bin.
